Zurück zur Titelauflistung | Zurück zur Startseite

*

Ekstase - oder: Wie ich dazu kam, ein Lehrbuch über die Harp zu schreiben

Version 1.33 - 10. August 2007
Martin Rost
http://www.maroki.de/music/mr_biomusicharp.html
E-Mail: martinMINUSrostATwebPUNKTde

Der Beitrag wird erscheinen in dem Buch von Kurt Rößler: "Sie spiel(t)en Mundharmonika"


Wir waren erbarmungslos: Kam jemand neu in die Klasse, wurde er nach seiner bevorzugten Musik eingestuft. Hatte er einen falschen Bandnamen genannt, kam für ihn nur noch ein Schulwechsel infrage, um anschließend wieder ein einigermaßen geachtetes Leben führen zu können. Unsere ignorante Arroganz war kaum zu überbieten. Die Frage nach der bevorzugten Musik war im Kern die Frage nach der Ekstase-Fähigkeit des Befragten. Mit einer Antwort meinten wir, im Grunde das Wesentliche des Gegenübers erfaßt zu haben. Wie brutal engmaschig ein solcher Filter ist, war uns damals natürlich nicht klar.

Ganz klar war und ist jedoch: Für Ekstase braucht man Druck. Mein Freund Roger und ich hockten meist in seinem abgedunkelten Kinderzimmer, das zu unser beider Glück im Keller des Einfamilienhauses untergebracht war. Dort rissen wir die Anlage bis zum Anschlag auf. Dabei wollten wir vor allem eines: Bässe, und zwar laut. Mit wummigen Bässen war man dabei, oben auf der Bühne. Bässe versprechen mit ihrer sinnfälligen Auslenkung der Membran Authentizität. Man ist einer Band nirgends so nah wie im Bass. Deshalb hatte ich mir meine kindsgroßen Boxen irgendwann selbst bauen müssen, pro Box zwei 30cm-Basslautsprecher übereinander angeordnet plus Piezo-Mitteltonhorn und Hochtonhorn, nur durch eine Spule entkoppelt, das bißchen Phasenverschiebung... Alles andere war eh zu leise und ging erfahrungsgemäß zu schnell kaputt. Natürlich konnte da klangtechnisch betrachtet nur Krach herauskommen, wie mir später dann physikalisch klar wurde. Überhaupt... wir kannten uns in den elektrotechnischen Details der Musikanlagen ganz gut aus: Als gut und bezahlbar galten zunächst die Directdrives von Technics. Danach folgten, audioanalog aufgeklärt, die Riementriebler von Thorens. Denn im Zweifel war die akustische Raumauflösung doch wichtiger als geringere Rumpel des Direkttrieblers. Und der Plattenspieler hing an mindestens 2x80 Watt Class A bei echten 80db Dynamikumfang in der Endstufe und mindestens 94dB-Schalldruck bei 1 Watt/1m, TapeDeck wenn möglich mit Dolby C. Aufgelegt wurden ausschließlich LPs. Allein weil noch kein CD-Player verfügbar war. Die gerade neu aufgekommenen CDs galten klanglich ohnehin als problematisch und waren eh teuerer als Platten. Wenn es möglich gewesen wäre, eine Musikanlage direkt an unsere Anklangsnerven anzukoppeln, um Musik differenziert und schmerzfrei beliebig laut hören zu können, wir hätten es erwogen. Roger rupfte aus seinem Verstärker sogar das Aussteuerungsanzeigelämpchen heraus, damit wir perfekt ungestört in den puren Klang abtauchen konnten. Von Müttern aufgestoßene Türen mitten in einem Act waren Albträume. An musikalischem Material bevorzugten wir naturgemäß Live-Mitschnitte. Die nächtlich übertragenen WDR-Rockpaläste zählten deshalb für uns zu den wichtigsten Musikfesten im Jahr. Diese auf Kassette aufzunehmen war Pflicht. Als größter Sympath der Interviewer- und Moderatorenzunft zählt seitdem und bis heute Alan Bangs. Und als vermutlich ein Leben lang eingebrannt gelten mir die Erinnerungen an die Auftritte von ZZTop und Johnny Winter, mit seiner Akkustikversion von "Suzie Q".

Die Rockmusik, der ich mich anfangs noch unter leichtem Stress stehend aussetzte, kam von The Doors, Jimmy Hendrix, Nazareth, The Who, Genesis. Da zuzuhören wurde einem nicht geschenkt, es kostete etwas Überwindung. Wie das Biertrinken oder Spiegellesen. Also rockmusikalisch betrachtet war das jedenfalls das klassische Zeugs der End-60er und 70er. Als frühe deutsche Band ist mir Birthcontrol in Erinnerung geblieben. Platten dieser Bands hatten die großen Brüder von Freunden in ihren Regalen stehen. Unter diesen befand sich verläßlich auch immer das Woodstock-Album. Später dann gefielen mir Uriah Heap, Rory Gallagher und Janis Joplin. Für mich wirklich nachhaltig prägend waren Deep Purple, Johnny Winter, Muddy Waters, Living Blues, AC/DC und ZZTop, Robert Cray und Steve Ray Vaughan. In der weiteren musikalischen Entwicklung folgte alles von Zappa und jede Menge an Jazz-Platten aus der Bebop und Cool-Ära, etwa von Gerry Mulligan, Thelonius Monk, John Coltrane und viel Miles Davis. Auch das sind wohl die klassischen Nummern. Guten Heavy Metal lieferten Motörhead und in seiner besten Form vor allem Judas Priest an. Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen galten als zumindest duldbar, man drückte auf den Feten gnädig ein Auge zu, wenn Späterweckte meinten abfeiern zu müssen. Zu wenig Ekstase. Aber immerhin war ab und an mal eine Textpassage ganz okay. So der legendäre Reim auf Ypsilon: "Ihr Name war Fräulein Meyer, Meyer mit y. Sie schaffte täglich zehn Freier, was für ne Kondition." Okay, ja, das ist gut. Außerdem kamen gezielt rausgesuchte Bluesplatten hinzu. Meine ersten zwei waren von Canned Heat sowie Sonny Terry und Brownie McGhee. Natürlich liefen auch die Beatles immer nebenbei. Aber die anzuhören musste man nicht lernen. Die waren eingängig wie Kinderlieder. Also taugten sie nicht wirklich. Das begriffen Eltern so gar nicht. Abba taugten genau so wenig. Ab und an konnte man sich bei denen dann mitsingenderweise zwar doch ein bißchen ausruhen, ohne dass es einem deshalb wirklich peinlich sein musste. Heute finde ich, dass die Beatles, Abba und die Beach Boys einfach nur Klasse sind und ich damals ein bißchen doof war. Arroganter jugendlicher horizontfreier Tunnelblick halt. Immerhin war mir Steve Wonders Genie damals schon klar. Und auch die rundherum einfach nur angenehme Musik beispielsweise eines Billy Joel oder einer Whitney Houston konnte ich als solche früh schon würdigen. Aber natürlich: Das war übelster Mainstream, und somit nur unter starkem, in der Gruppenöffentlichkeit nur unter demonstrativem Vorbehalt hörbar, klar. Meine popmusikalische Aufgeweichtheit geht heute so weit, dass ich mir inzwischen, unter leichten Schmerzen zwar aber eben doch eingestehen kann, dass beispielsweise die No Angels ziemlich gut waren. Und ja... ich verrenke mich gerade übelst, auch bei Vicky Leandros finden sich gute Songs einer Sängerin, die verdammt noch mal doch eine tolle Stimme hat. "Ich liebe das Leben" ist bspw. nicht übler als das ebenfalls reichlich zu Herzen gehende "Just when I needed you most" von Dolly Parton. Fast noch mehr Spaß als etwa Gutes aus dem Kommerz-Mainstream herauszufischen bereitet es mir inzwischen, zu unrecht Gefeierte, die nicht ganz straight im Radiopop-Mainstream liegen mögen, maxgoldtsch zu bemeckern. Wie etwa die Red Hot Chili Peppers. Bei denen drei Bandmitglieder auch noch so alt sind wie ich und die trotzdem die aktuell mögliche Popmusik für mich nicht auf den Punkt zu bringen verstehen. Die Performance is okay, aber die Musik is nich. So! Natürlich taugen auch die Stones und Madonna nichts, die bis auf ein ganz paar der popklassischen Hits musikalisch nichts wirklich Spannendes zustandegebracht haben. Irgendjemand muss doch mal anfangen und die Wahrheit sagen... Madonna kann irgendwie gut in Mode und Mick Jagger und Keith Richards können vermutlich gut abfeiern, aber musikalisch? Außerdem... merkt wirklich niemand außer mir, dass Madonna, anders als Mick Jagger, einfach schon immer Scheisse aussah?

Jedenfalls... wir trafen uns in kleinen Gruppen, oft auch nur zu Zweit, nachmittags, um ne neue Scheibe, vielfach bei Membran oder Am Alten Markt bei Kihr Goebel gekauft anzuhören. Wir haben uns anhand neuer Platten und neuer Stilrichtungen popmusikalisch gegenseitig regelrecht ausgebildet. Synthie-Werke von Eberhard Schoener oder auch Kraftwerk sickerten ein, manchmal auch Dada-Zeugs a la Fußgetrappel von der Düsseldorfer Kö, und ebenso ernsthafteres Zeugs von The Can und Klaus Doldinger. Und hin und wieder haben wir uns früh auch an schräges Zeug von Zappa rangewagt. Auf einer Doppel-LP von Klaus Schulze war dessen nicht-klassische Notation eines seiner Synthie-Stücke abgebildet. Daraus folgte für uns eine weitere Befreiung: Man kann Musik offenbar notieren, wie es einem gefällt. Und klangorientierte Synthiemusik lässt sich ja auch gar nicht klassisch notieren. Oftmals brachte Sönke, ein ein zwei Jahre älterer, musikalisch an Punk und kaufmännisch an Bootlegs interessierter Nachbar von einem Bauernhof, diese Teile von seinen Streifzügen über Hamburger Flohmärkte in unser mittschleswigholsteinisches Kaff. Wir lernten das analytisch-ekstatische Zuhören insbesondere durch diesen Zustrom an Undergroundmusik. Ich erinnere mich an eine anhaltende Phase, in der wir konzentriert nur Rückkopplungen, Gitarrensoli und Schlagzeugsoli raussuchten und sie nachmittagelang auf Kassette aufgenommen hintereinander weg immer und immer wieder hörten. Wir kannten in diesen Soli jedes Detail, jede Wendung, jeden Fehler, ja wir sahen uns in der Lage, das legendäre Schlagzeugsolo "In-A-Gadda-Da-Vida" von Iron Butterfly synchron mitzuspielen. Bei Gitarrenintros muss zum einen die "Irish Tour 74" von Rory Gallagher und zum zweiten das schräge Lazy-Intro von Deep Purples "Made in Japan" genannt werden. Da stellt sich doch ganz unwillkürlich die in diesem Zusammenhang naheliegende Frage: Schmeckt Nutella tatsächlich immer noch so wie zu meiner Kindheit, als ich es bei meinen "wir haben gerade ein Hausbau-gebaut-Eltern" viel zu selten aufs Brot bekam und es sagenhaft gut schmeckte? Heute schmeckt es nur noch gut. Möglicherweise hat Ferrero schleichend das Rezept verändert, um Nutella unter der Hand billiger herzustellen? Wie schön ist es, bei Lazy von der Originalplatte zu wissen, dass es sich definitiv noch immer um das Original-Lazy von damals handelt. Wenn ich es jetzt etwa einmal im Jahr anhöre und es doch irgendwie einen Tick zu langsam und insgesamt drucktechnisch schlapper finde als früher, so ahne ich, dass ich mich selbst und dass sich vor allem die musikalischen Verhältnisse geändert haben. Die Musik ist wie vieles andere auch schneller, präziser, härter, punktgenauer, ökonomischer, glatter geworden. Und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern daran, dass mir ein Freund Anfang 1992 "Fistful Of Steel" von Rage Against The Machine vorspielte. Das Zeugs verschlug mir damals den Atem, weil es so perfekt war: Ja, genau so musste Popmusik "als Crossover-Mix aus Hardcore Punk, Metal, Hip-Hop und Funk", wie die Wikipedia treffend über RATM schreibt, fortan klingen. Auch heute noch klingt das 15 Jahre alte Stück zeitgemäß.

Für Eltern unzugängliche Rockmusik möglichst laut zu hören, wurde von uns schon nicht mehr als rebellische Geste verstanden und inszeniert. Bei Elvis spielte das noch eine Rolle, woran so merkwürdige Begriffe wie "Halbstarke" oder "Rocker" aus den 50er und 60er Jahren erinnern. Musik galt uns nicht länger als Verstärker von Rebellion sondern als Quelle der Ekstase. Und man kann dann auch mit Mozart in Ekstase geraten, wie ich inzwischen weiss. Heute wird Musik offenbar noch vorsichtiger als Stimmungsverstärker eingesetzt. In Trance, als hypnotischer Bastard aus Techno und House, wurde dieser ekstatische Anspruch an Popmusik in den 90ern, noch durch den Punk vorbereitet, dann als Massenbewegung auf die Tanzflächen gebracht. Und es ging und geht noch immer beim Hören von guter Musik um Hingabe und Sich-Ausliefernkönnen an die Musik, wenn es im Sex gerade jetzt oder auch grundsätzlich damit hapert. Dabei gibt es kleine Unterschiede zwischen den Generationen: Wenn es heute als "cool" gelten mag Texte zu kennen, um sie mitsingen zu können, so war es früher "geil", die Instrumente, wahlweise Gitarre, Bass, Schlagzeug und Orgel, zumindest virtuell mitspielen zu können. Und zwar sinnlos exakt. Texte waren, abgesehen vielleicht von den zotigen Texten Zappas und einigen eher witzigen Passagen deutscher Sänger unwichtig. So entstand der Wunsch, irgendwann einmal ein echtes Instrument in die Hand zu nehmen. Eine einzige funktionierende Saite auf einer E-Gitarre mit einem vollkommen verwarzten Hals bzw. Griffbrett, die an Feiertagen ebenfalls an die Anlage oder ein altes Tonbandgerät angeflanscht wurde, reichte für monatelangen Spaß. Sie bot auch mehr Komfort als die reine Luftgitarre. Es ging beim langsamen Einüben des Gitarrenspiels nicht darum, sich nach langem Üben endlich berechtigt auf die Bühne stellen zu dürfen, um anderen mit einer guten Performance zu imponieren, sondern es ging nur um Ekstase. Und es entstand schon früh eine programmatisch klare Vorstellung von der Funktion der Rückkopplung als DEM Soundelement des kleinen Rockmusikers. Die Rückkopplung trifft so wunderbar perfekt den Punkt zwischen Krach (= Punk) und exzellent kontrolliertem Klang (= PET-Sounds). Die (un)beherrschte Rückkopplung ist der Klang-Höhepunkt in der Evolution der Rockmusik, man muss nur bei Hendrix, Beatles und Santana mal richtig hinhören. Den Punk - der offenbarte, dass die Nähe zum Krach Kraft und Autonomie bedeuten konnte - und viele frühe Wave-Sachen - die in dem Moment den Kontakt zum Punk verloren, als stilisierte Coolness den Ekstasebedarf ersetzte - fand ich musikalisch letztlich meist öde. Aber mir war trotzdem klar, dass beide den Mut entstehen ließen, einfach ein Instrument in die Hand zu nehmen und ohne Ehrfurcht vor irgendwas drauflos zu spielen. Und diese Demokratisierung des Musizierens nach dem Motto "diese Art des Musizierens kann im Prinzip jeder hinbekommen", die im übrigen auf Elvis zurückging, war zweifelsfrei vor allem eines: Klasse.

Derartig popmusikalisch aufgeladen stieß ich, an einem langweiligen Sonntagnachmittag, in der großen Kinderwühlkiste meiner Großeltern, auf eine Mundharmonika. Also auf das ekstasebefreiteste, druckärmste, zweituncoolste Instrument dieser Welt, das nur ganz knapp wenn überhaupt von der Blockflöte getoppt wurde.

Ob diese Mundharmonika bei meinen Großeltern wirklich vom Schlage einer anständigen Echoharp von Hohner war, wie ich es zu erinnern meine, denn sie ist längst verschollen, ist doch eher zweifelhaft. In der mittleren Oktavreihe waren einige Kanäle kaputt, es schepperten Zungen und es waren Kanzellen angebrochen. Immerhin funktionierte die tiefe Oktavreihe einwandfrei. Diese Mundharmonika begleitete mich anfangs durch die ersten volldurchwachten Nächte, in denen ich auf letzte Busse in Kiel warten oder von Feten nach Haus gehen oder oft genug auch trampen musste. Allein. Alles Scheisse mit den Mädels. Ich bekomm das wahrscheinlich nie hin, uaaaaaa... Mundharmonika in Mund und zumindest in der Melancholie suhlen. Die Mundharmonika schmeckte nach Rost, und sie klang vor allem, das war kaum zum Aushalten, peinlich harmonisch schön. Ich konnte richtige Lieder darauf spielen, klar, aber ich konnte keine typischen Harpstyles a la "Spiel mir das Lied vom Tod" oder irgendwelche Riffs wie den Hoochie Coochie Man, oder wie eine Bluesrock- oder Punkband sie brauchten, erzeugen. Wer will denn so richtige Lieder spielen oder hören? Es dauerte wohl noch ein gutes Jahr, bis mir Stefan Zander, dessen Eltern ein gut laufendes Musikgeschäft in Kiel hatten, eine richtige Hohner-Bluesharp etwas verbilligt mitbrachte. Er überreichte mir das edle Teil kurz vor einer Schulsportstunde in den muffigen Umzugsräumen des alten Kieler-Männer-Turn-Vereins. Ich habe das gute Stück andächtig an mich genommen und dann geradezu wollüstig angetestet. Meine Güte klang die toll. Diese Harp klang natürlich viel besser als alles zuvor bespielte, viel klarer, viel lauter, wozu natürlich auch die große kachel-hallige Umzugskabine beitrug. Einen einzelnen Ton zu spielen war ja soo schön, und die gleichmäßige und sensible Ansprechbarkeit waren hinreißend. Für mich wurde schlagartig klar: Damit lässt sich was reißen. So, und was konnte ich nun konkret üben, damit es endlich nach Sonny Boy Williamson oder Little Walter klang? Ich hatte den fabelhaften Sound von Little Walter und Walter Hornton inzwischen kennengelernt. Gerade Little Walters auf den Muddy Waters Scheiben hatte es mir angetan. Klar, wen macht dessen Harpspiel nicht an? Gibt es kein Lehrbuch? Und warum gibt es eigentlich überhaupt keine Bluesharplehrer? Die paar Bücher, die damals irgendwie "Mundharmonika" oder "Harp" im Titel hatten, empfand ich als Beschiss. Als wenn man ein Instrument dadurch lernt, dass man pure Notenbilder von zudem öden und meist unbekannten Liedern vorgesetzt bekommt! Es sind doch nicht Lieder das Problem! Es geht um Sound und Pattern! Was denken sich denn die Autoren eigentlich dabei, dumme Notenblätter als "Lehrbücher" zu betiteln und herauszugeben? Bin ich so blöde, dass mir diese Heftchen nicht helfen eine Harp so zu spielen, dass ich mich selbst daran begeistern kann? Ich hatte die Bluesharp fortan immer dabei und spielte sie zu jeder Gelegenheit in der Hoffnung, dass ich langsam dahinter steigen würde. Die wichtigsten spieltechnischen Durchbrüche, wie zum Beispiel das stufenlose Herunterziehen der Töne oder das rhythmisch orientierte Hobo-Lokomotive-Motiv, kamen entweder in den Wartezeiten beim Trampen oder nachmittags, als ich über Hausaufgaben brütete und zwischen konzentriert und gedankenverloren die Harp ansetzte. Dabei wusste ich lange Zeit nicht, wonach ich eigentlich genau auf dem Instrumente suchte! Ich kannte ja nicht einmal den Aufbau des 12-Takt-Bluesschemas, das Gitarrenanfänger natürlich fast als erstes drauf haben und das einem Bluesplattenhörer über die Zeit einfach geläufig wird. Ich griff permanent zur Harp und spielte und übte irgendwie. Es wurde mir zunehmend gleichgültiger, ob bei meinem mir selbst unbefriedigenden Gefiepe andere Menschen zuhörten. Dann lernte ich Heiko kennen.

Heiko konnte Gitarre spielen. Das war gut. Aber er hörte z.B. Yellow und Puhdys. Damit wies er einen geradezu absurd schlechten Musikgeschmack auf - von dem er sich bis heute nur teilweise erholt hat. So gab er letztens ohne auch nur einen Anflug von Scham zu, den mit Abstand perfekt peinlichsten aller deutschsprachigen Tiefsinnssimulanten "Xavier Naidoo" gern zu hören. (Tja, was hätte unsere Fussballnationalmannschaft 2006 wohl anstellen können, wenn sie wirklich antörnend gute Musik gehört hätte? Und nicht diesen unsagbaren Langweiler?) Aber Heiko hatte damals schon Harmonielehreahnung, Quintenzirkel. Und vor allem... wie er die Gitarre bediente und den Zigarettenqualm während des Hantierens an der Gitarre durch sein Gesicht schlängeln ließ, so dass er meist ein Auge zukneifen musste... das wirkte alles ein bißchen albern, einerseits, sah aber doch auch ziemlich gut nach Musiker aus. Mit den Frauen erging es ihm zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schon mal wesentlich besser als mir. Und das trotz des beschissenen Musikgeschmacks und obwohl er nicht wirklich singen konnte. Aber er spielte erkennbare Harmonien dazu und quäkte gern mit rauher Geste zum richtigen Ton hin. Er scheute sich aber eben auch nicht, genau das zu tun. Das war irgendwas zwischen Punk und Rock'n Roll. Zusammen mit einem weiteren Freund, der längere Zeit eine gepflegt klassische Gitarre gelernt hatte und uns mangels Bass dann am Cello seiner Mutter den Bassmann gab, jamten wir viele Abende und Wochenenden durch. Wieder gern in abgedunkelten Zimmern, uns dabei gemeinsam langsam zu ekstatischen Songs hinrobbend und genau nicht nur bequem am Bluesschema klebend. Man merkte unseren Songs an, dass wir Drei aus unterschiedlichen musikalischen Quellen schöpften. Heiko lernte dann bald das Harpspielen und wurde schnell besser. Wir haben uns viele Harpfights in den Schulpausen geliefert. Damals tauchte übrigens hin und wieder Marc Breitfelder am Horizont der Kieler Szene auf. Marc war beängstigend schnell verdammt gut. Es zeigte sich früh, dass mit ihm ein besonders guter Harpspieler, der ja inzwischen auch viele internationale Titel errungen hat, heranwachsen wird.

Heiko spielte später Harp bei der in der Mitte der 80er Jahre ziemlich bekannten Handicap-Bluesband aus Kiel. Es war relativ leicht, als Harpspieler in eine vernünftige Band zu kommen, zumal die Handicap-Bluesband mit Axel Zilienski und Bernd Priddat wirklich gute Bluesgitarristen hatte. Handicap setzte die Tradition der für Kiel legendären Band Boogie Chillen fort. Ich spielte zu der Zeit Harp in der Bolliwer Blues Band. Uns interessierte weniger das Covern von Bluesklassikern insbesondere in der Chicago-Tradition als vielmehr das noch härtere und dreckige Bluesrockzeugs (oder besser: rockige Bluesdreckszeugs?) wie es z.B. Nine Below Zero aus England spielten, mit Mark Feltham an der Harp. Mir ging es zunehmend häufiger darum, auch die Rückkopplung, gern als dramaturgischen Höhepunkt des Abends, gezielter als andere Harpspieler in mein Spiel mit einzubeziehen. Und es gab tatsächlich Momente, wo am Ende nur noch Krach aus dem Verstärker kam und die Band und ich für Momente voll entzückt entrückt waren. Da war sie, die gesuchte Ekstase, jetzt sogar auf der Bühne. Das Feeling war kaum mehr zu toppen, und ich hatte es sogar echt aktiv erzeugt. Die Handicaps waren zweifelsfrei immer die bessere Bluesband. Und das bemerkten sicher nicht nur wir aus der BBB. Das tat weh. Und es gab uns wohl auch aus diesem Grunde nicht allzu lang. Die Handicaps waren echte Typen, die was drauf hatten. Wir dagegen waren vor allem eines: jung. Es folgten nach der Bandzeit bei mir lange Zeit sporadisch Aufnahmen mit Bands, die im Studio ihre Songs einspielten, und gern für ne bluesige Dreingabe auf ihren CDs noch eine Harp brauchten.

Es mehrten sich insbesondere nach Auftritten Fragen, wie ich eigentlich Bluesharp gelernt hätte oder wie man das lernen könne. Tja, da war sie wieder, die Frage, die ich mir ja auch gestellt hatte. Ok, so schrieb ich also einen 40-seitigen Text zum Harplernen zusammen, der eigentlich nur einer Handvoll an Leuten zugedacht war. Dieser Text sollte eines sein: definitiv besser als die Bücher, die ich zum Harpspiellernen kannte. Er bildete später dann die Grundlage für mein Harplehrbuch. Während des Schreibens am Buch habe ich als Harplehrer Stunden gegeben, was erstaunlich gut angenommen wurde. Das führte dazu, dass die Übungen, die ich für meine Schüler angefertigt hatte, ins Buch wanderten. Einige meiner Schüler waren mit geradezu heiligem Ernst bei der Sache, so wie ich ihn selbst nie aufgebracht hatte. Hei, es geht doch um Spaß! Andere waren obendrein bedrückend untalentiert, weil sie sich sogar von "Alle meine Entchen" gefordert sahen. Seitdem weiss ich: Es ist wirklich nicht selbstverständlich, auf einem Instrument auch nur "Alle meine Entchen" spielen zu können.

Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich dann darauf kam, das Manuskript an den prominenten Voggenreiter-Verlag zu schicken. Kann gut sein, dass ich mir anmaßte zu versuchen, der Peter Bursch - man muss nicht erklären, wer das ist, oder? - der Bluesharp zu werden. Das lag im Bereich des Möglichen, schließlich gab es ja kein vernünftiges deutschsprachiges Harpbuch weit und breit. Auch das bißchen, was ich an Harpliteratur aus Amerika fand, half nicht, die entscheidenden Geheimnisse zu lüften. Heute ist das natürlich ganz anders, zumal man über das Internet alles findet. Voggenreiter reagierte positiv, man lud mich nach Bonn Bad-Godesberg ein. Da lebte noch der alte Voggenreiter, der mich zusammen mit dem damaligen Lektor Thomas Petzold in Augenschein nahm. Ihr Problem war, dass sie nicht so recht wussten wie sie mir beibringen sollten, dass sie sich vorstellten, ich sollte das Buch zusammen mit Ralf Grottian schreiben. Ralf hatte im Rheinland zu Recht einen Ruf als ausgezeichneter Harpspieler. Und ich konnte für sie offenbar passabel erklären und schreiben. Als sie mit der Idee rausrückten, war ich geschmeidig, ich hatte ich mir gleich vorgestellt, das eine oder andere von Ralf zu lernen und das Buch dadurch ordentlich zu verbessern. Ich fand die Idee Klasse. Ralf kam dann fast zwei Jahre lang, nach einem ersten vorgelegten Startuptext mit keinen weiteren Texten rüber. So machte ich das Buch dann am Ende doch alleine. Dabei versuchte ich mich in den ersten Manuskriptversionen daran, die gerade allseits aufkommenden politisch korrekten geschlechtsneutralen Formulierungen konsequent anzuwenden. Für einen gesellschaftskritisch-aufklärungsbesoffenen Studenten in den ersten Semestern Soziologie war das natürlich Pflicht. Ich habe es dem Lektorat von Thomas zu verdanken, dass er mir meinen insgesamt verquarsten Stil behutsam austrieb und mich in Richtung "Szenespeak" drängte. Was mir damals nicht gefiel und mir auch heute noch etwas peinlich ist - allerdings fand ich dann schnell Trost in den guten Verkaufszahlen.

Um die Zusammenhänge der Töne und Tonleitern beim Schreiben des Buches auch visuell gestützt zu verstehen hatte ich mir eine kleine Heimorgel von Yamaha gekauft. Es war beglückend als ich zum ersten Mal begriff, wie sich die einfachen pentatonischen Tonleitern auf der Orgel über die verschiedenen Tonstufen hinweg spielen ließen. Das klang sofort Klasse fehlerfrei, obwohl ich doch gar keine Ahnung vom Orgelspielen hatte und nur ein paar Regeln anwandte. Skalen auf einem Keyboard flink durchzugniedeln ist wahrlich keine Kunst. Und daraufhin habe ich den Tonraum dann regelrecht erforscht: Welche Töne kann man innerhalb einer Tonstufe noch hinzunehmen, um über mehr und zunehmend interessanteres Spielmaterial zu verfügen? Ich glaube man merkt meinem Buch an, dass es sich um ein Protokoll eines klar umrissenen, recht einfachen und deshalb gut verständlichen Forschungsprojektes handelt. Als erstes musste ich mir einen Überblick darüber verschaffen, welches Tonmaterial auf einer Bluesharp zur Verfügung steht. Also entwickelte ich die "Grafik der spielbaren Töne" für das Buch, die endlich auch die durch das Zieh- und Blas-Bending erreichbaren Töne enthielt. Allein diese Grafik war vermutlich nicht nur für mich ein Riesendurchbruch für das notwendige theoretische Grundverständnis der Bluesharp. Um meine Noten für das Buch zu richten, hatte ich zum Abschluss des Manuskripts dann per Schwarzem Brett Kontakt zu einer Studentin der Musikwissenschaften gefunden. Mit ihr machte ich die Erfahrung, dass sie klassisch ausgebildet zwar toll vom Blatt spielen konnte sich aber für mich unbegreiflicherweise nicht imstande sah, selbst mal leichtsinnig nur eine kleine Melodie, ein Abschluss-Lick oder Riff aus dem inneren musikalischen Gefühl heraus zu entwickeln. Ich war fast ein bißchen entsetzt über sie. Sie konnte es wirklich nicht, das war kein Geziere. Mein musikalisches Selbstbewusstsein, das aufgrund meiner geringen musiktheoretischen Kenntnisse etwas porös war, zog mit dieser Erfahrung dann doch an. Nicht die kenntnisreiche Reproduktion von Musik, sondern spontanes Spielenkönnen, eben: Musizieren, ist eine anzuerkennende Qualität für sich. Es gilt allerdings umgekehrt auch: Ein rein gefühlsorientiertes Bespielen eines Instruments birgt das Risiko, das man über die endliche Reproduktion von Cliches nicht hinaus kommt. Man wiederholt dann zwanghaft nur das, was man eh kennt. So ganz ohne Theorie kommt man aus dieser kleinen Schleife nicht heraus.

Musik hatte nach meiner Harpphase dann für etwa gute zehn Jahre dramatisch an Bedeutung verloren. Ab Mitte 2000 nahm die Bedeutung von Musik jedoch wieder zu. Generell verspürte ich offenbar wieder stärkeren Ekstasebedarf. Ich hatte zunächst einen Artikel über Melodiewahrnehmung geschrieben, der mir ganz gut von der Hand ging und mir einige positive Reaktionen über das Internet einbrachte. Auch hatten es mir die "The-"Bands angetan: The Strokes, The Hives, The White Stripes... Darüberhinaus hatte ich endlich einen Schatz zu heben angefangen, von dem ich immer ahnte, dass er einer war: Meine Nirvana- und vor allem Pearl-Jam-Phase ging los. Dann hatte ich dank eines MP3-Players zehn Jahre Popmusikentwicklung in einem halben Jahr nachgeholt. Mit einem Mal interessierten mich auch Texte, nachdem ich auf einige wirklich schöne Texte aufmerksam gemacht worden war. Pearl-Jam galt mir als diejenige Band, die beständig auf mehreren Alben, konkret denke ich an Vitalogy und Binaural, fast nur gute Songs versammelt hat. Daneben hörte ich viel Britpop, Rammstein, Robert Randolph (warum kennt den keiner in Deutschland?) und, wenn es spezifisch Deutsch sein soll, ist Stoppok gut. Jazz gehört durchgängig zur musikalischen Grundversorgung. Dass ich auch Katie Melua, Norah Jones und Alica Keyes hören mag, hat klar weniger mit rein musikalischem Interesse zu tun, sondern bedient und kultiviert emotionale Zustände. Ob Musik die mir gefällt nun Mainstream ist oder nicht, interessiert mich nicht mehr wie noch zu pubertären Zeiten. Zwischendurch gab es mal wieder ne Gipsy Swing Phase, mit Bireli Lagrene, Dorado Schmitt oder dem Rosenberg Trio. Zwischendurch liefen die Stranglers, Mando Diao. Musik hat inzwischen schon wieder an Bedeutung verloren. Und ich denke ein bißchen, dass es objektiv nicht sein kann, was ich so denke, nämlich dass Little Man Tate die letzten guten Ausläufer des guten Britpop sind.

Natürlich habe ich verfolgt, wie das Niveau des Harpspiels seit Beginn der 90er Jahre anzog. Inzwischen haben wir viele richtig gute Harpspieler allein in Deutschland. Und ich rede mir ein, dass mein Harplehrbuch einen kleinen Anteil an dieser Entwicklung hatte, wie zweifellos auch Steve Bakers Harphandbook, das kurze Zeit nach meinem Buch Anfang der 90er erschienen war. Diese beiden Bücher ergänzen sich gut. Im ganz entspannten Blick hatte ich neben Steve Baker immer auch Lars Luis Linnek, Marc Breitfelder und Ralf Söchting - die waren zweifellos von je her die besseren Harpspieler. Steve, Lars und Marc sind sogar so gut, dass sie davon leben können, die müssen deshalb besser sein, viel besser. Aber das machte mir nie das Geringste aus. Ich hatte mit meinem Harp-Lehrbuch einen guten Job zur Erforschung, Popularisierung und nicht zuletzt: zur popmusikalischen Ekstasezugänglichkeit der Harp getan.

Martin Rost
Langwedel, im Juli 2007

  • E-Mail: martinMINUSrostATwebPUNKTde
  • Webseite: http://www.maroki.de
  • Buch: Martin Rost: Rock Blues Countryharp, Bonn, Voggenreiter-Verlag
  • Artikel: Wie entsteht aus einer Tonfolge eine Melodie? http://www.maroki.de/pub/lop.html#music
  • Eine inzwischen aktualisierte Version dieses Artikels ist zu finden unter: http://www.maroki.de/pub/lop.html#music


Zurück zur Titelauflistung | Zurück zur Startseite